Unbemerkt schwer depressiv

Unbemerkt schwer depressiv

Jeder fühlt sich mal schlecht, ist müde oder einfach erschöpft – und so mancher geht dann zum Arzt, um sich krankschreiben zu lassen. Was aber, wenn aus einer schlechten Stimmung auf dem Papier fälschlicherweise eine Depression gemacht wird – und dazu noch eine schwere? Das ist hierzulande Realität, zeigt ein Video der ARD-Sendung Plusminus.

Oft machen Ärzte die Patienten auf dem Papier auch kränker als sie tatsächlich sind – des Geldes wegen. Denn manche Krankenkassen bieten Medizinern pro schwer erkranktem Patienten Extrazahlungen an. Dass das Nachteile für die Patienten selbst hat, spielt für die Unternehmen anscheinend keine Rolle.

Ein Beispiel für diese Praxis ist Timo Heilmann. Ihn hat die ARD für die Sendung Plusminus besucht. Nur ganz durch Zufall erfuhr er, dass er auf dem Papier unter Fettleibigkeit und nächtlichen Atemaussetzern im Schlaf leidet. Dabei ist er kerngesund. Anscheinend brauche er sogar Flüssigsauerstoff – so steht es jedenfalls in seiner Patientenakte.

Als er von der gesetzlichen in eine private Krankenversicherung wechselte, machte er Angaben zu Gesundheit und Co. Als die PKV dann die erste Arztrechnung bezahlen sollte, weigerte sie sich – in seiner Patientenakte stehe, er sei kränker als er selber angegeben habe – was eben nicht stimmte. Sein Arzt hatte ihn in seiner Akte kränker gemacht. Auch vor Gericht konnte man ihm daraufhin nicht helfen.

Patienten bemerken es erst, wenn es zu spät ist

Patienten bemerken solche Diagnosen meist erst dann, wenn es schon zu spät ist. Und oft sind sie dann unwissentlich – wie im Fall von Timo Heilmann – nicht versichert.

Krankenkassen drängen Ärzte oft dazu, ihre Patienten kränker zu machen. Der Grund: Je kränker und teurer die Versicherten einer Kasse, desto mehr Geld kassieren sie durch den sogenannten Risikostrukturausgleich vom Gesundheitsfonds. So bekommen Ärzte pro schwer krankem Patienten bis zu 12 Euro mehr von der Kasse.

Neuer Gesetzesentwurf reicht nicht

Die Regierung will dagegen jetzt mit einem Gesetz vorgehen – aber um dieses Handeln zu unterbinden, müsse eine komplette Reform des Systems her, meinen Experten. Denn der geplante Gesetzesentwurf habe Lücken: Wenn Krankenkassen nämlich externe Dienstleister engagierten, die lukrative Patienten zu Arztbesuchen drängen, bringe er auch nichts.

Ein solcher Dienstleister ist das Stuttgarter Unternehmen Anycare. Ehemalige Mitarbeiter erzählen im Interview mit Plusminus, dass sie solche Patienten angerufen haben und Ängste schüren sollten, um sie zum Arztbesuch zu bewegen. Denn nur wer mindestens zwei Mal im Jahr beim Arzt war, ist für die Krankenkassen auch eine Einnahmequelle. Die Versicherer händigen dem Unternehmen dafür persönliche Daten der Versicherten aus; darunter Telefonnummer, Diagnosen, Geburtsdatum und Co.

Krankheitsauswahl begrenzen

Das Geschäftsmodell funktioniere, berichtet Plusminus. So verdiene Anycare fast 3 Millionen Euro einzig und allein durch Telefonate mit Personen, die an Gelenkverschleiß leiden. Die Krankenkasse aber mache damit ein noch größeres Geschäft: circa 12,5 Millionen Euro sind es dort. Das Unternehmen Anycare rechtfertigt sich. Ob die Patienten letztendlich wirklich zum Arzt gingen, sei schließlich deren „autonome Entscheidung“, heißt es dort.

Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom, sagt im Interview mit Plusminus, dass nur eine grundlegende Reform helfen könne. Er wolle, dass man „die Krankheitsauswahl begrenzt.“ Und zwar auf schwerwiegende, chronische Krankheiten, bei denen Ärzte auf dem Papier nicht ohne Probleme etwas verändern oder verschlimmern können.

Vielen Dank an die Pfefferminzia – Autor: Juliana Demski

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