„Menschen mit ungesunden Gewohnheiten muss man stärker an den Krankheitskosten beteiligen“

„Menschen mit ungesunden Gewohnheiten muss man stärker an den Krankheitskosten beteiligen“

Die immer wieder aufflammende Diskussion um die Bürgerversicherung ist Auswuchs eines schon lange schwelenden Streits in Deutschland. Dabei geht es um die Frage, welches System denn nun besser ist – GKV oder PKV. Mit dieser grundsätzlichen Frage wollen Björn Hansen, Vorstand der BKK Wirtschaft & Finanzen, und Makler Frank Dietrich nun Schluss machen. Sie glauben, dass man viel früher ansetzen muss, um die Krankheitskosten hierzulande in den Griff zu bekommen.

Björn Hansen, Vorstand der BKK Wirtschaft & Finanzen, und Frank Dietrich, Fachmakler, Spezialist für Private Krankenversicherung und Berufsunfähigkeitsversicherung, werden in der Öffentlichkeit als Kontrahenten empfunden. Beide kennen sich aber seit Jahren und sehen das nicht so. Vielmehr ist ihr Verhältnis zueinander durch Offenheit, Vertrauen und Zusammenarbeit geprägt.

Und in einer Sache, sind sich beide derzeit einig: Sie betrachten die derzeitige Diskussion rund um die Bürgerversicherung, in der unter anderem nur noch für ein Krankenversicherungssystem, nämlich die GKV, plädiert wird, weder als förderlich noch als zielführend. Ihrer Ansicht nach sind viele Ursachen für die hohen Krankheitskosten viel früher anzugehen und oft ein gesamtgesellschaftliches Problem, wie sie in ihrem gemeinsamen Kommentar ausführen.

Weder die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) noch die private Krankenversicherung (PKV) betrachten wir als die grundsätzlich bessere. Die Entscheidung, ob jemand sich in der GKV oder in der PKV versichern möchte, hängt davon ab, welche Krankenversicherung besser zur Lebensplanung passt. Ohnehin können nur bestimmte Personenkreise die PKV wählen.

Beide Systeme haben Vorteile wie auch Nachteile. Das von vielen präferierte Solidarsystem der GKV beinhaltet beispielsweise auch eine Vollversorgungsmentalität mit fehlenden Anreizen zu gesundheitsbewusstem Verhalten. Auch fehlt es oft an einem dringend notwendigen Kostenbewusstsein. Dazu muss aber auch eine Kostentransparenz hergestellt werden.

Leistungen der GKV sind änderbar

Andererseits bietet die GKV ein sich weiterentwickelndes Leistungsangebot, da medizinische Innovationen und Entwicklungen berücksichtigt werden, wenn diese Leistungen denn dem Wirtschaftlichkeitsgebot und dem Gebot der Angemessenheit entsprechen und dementsprechend zugelassen werden. Leistungsgarantien wie bei einem verbindlichen Krankenversicherungsvertrag gibt es in der GKV nicht. Der Gesetzgeber kann jederzeit Leistungen verändern, hinzufügen, reduzieren oder streichen oder Zuzahlungen einführen beziehungsweise bestehende Zuzahlungen erhöhen.

In der PKV wissen die Versicherten, was ihnen zusteht. Die Leistungen stehen im Vertrag und sind deshalb konkret einklagbar. Tatsächlich bekommt man bei einigen wenigen Anbietern Krankenvollversicherungsverträge, die kaum noch Wünsche übriglassen. Sehr viele Tarife sind aber eher preis- und nicht so sehr leistungsorientiert und damit weit von der Erwartung des Versicherten entfernt.

Dennoch: Die Verträge sind eher starr, denn medizinische Neuerungen und Innovationen gehören unter Vertragsaspekten grundsätzlich erst einmal nicht zum Leistungsumfang. Ausnahmen hiervon bilden nur Verträge mit offenen Formulierungen, wie es einige Tarife im Bereich der Hilfsmittel vorsehen. Nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der Anbieter erreicht annähernd, wenn es um alle Teilbereiche geht, das GKV-Niveau.

Doris Pfeiffer, Chefin des GKV-Spitzenverbandes, äußerte neulich:

„Ohne die Konkurrenz von Privatversicherungen wäre die Gefahr, dass der Leistungskatalog auf eine minimale Grundversorgung reduziert wird, größer. In einem Einheitssystem ließen sich die Leistungen leichter reduzieren.“

Wir sehen das genauso. Zumindest derzeit ergibt es keinen Sinn und gibt es keinen Grund, eines der beiden Systeme zu zerschlagen. Dennoch: Beide Systeme verteuern sich rapide, die GKV in den vergangenen Jahren stärker als die PKV. Das ist mehreren Gründen geschuldet, auf die wir in diesem Kommentar nicht in Gänze näher eingehen können. Das würde den Rahmen sprengen. Deshalb nachfolgend nur ein Abriss eines weitergehenden Lösungsansatzes.

Wir sehen Reformen als notwendig, nicht aber als zweiten Schritt vor dem ersten. Denn im ersten Schritt müssen die Ursachen für Krankheiten angegangen werden. Daraus resultierend kann dann auch die Krankenversicherung weiterentwickelt werden. Die Diskussion, was sich in der Gesellschaft verändern muss und was daraus resultierend die Aufgabe der Krankenversicherung ist, wo sie einsetzt und wie sie gestaltet wird, ist also unumgänglich.

Ein Thema ist der Bereich der gesunden Lebensführung. Das mangelnde Bewusstsein von Ernährung, Bewegung und über Erkrankung ist ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft. Gäbe es aber bereits im Schulunterricht ein Schulfach zu den Zusammenhängen zwischen ausgewogener Ernährung und ausreichenden Bewegung in Bezug auf die Entstehung von Zivilisationskrankheiten, als Hauptkostenfaktor des Gesundheitssystems, so könnte daraus von frühem Kindheitsalter ein stärkeres Bewusstsein verankert werden.

Daraus resultierend entstehen höchstwahrscheinlich weitaus weniger Gesundheitsprobleme. Dass das geht zeigt ein Beispiel eines nordischen Landes. Dort hatten die Schüler vor Jahren die schlechtesten Zähne in der Europäischen Union (EU). Nachdem das Schulfach Zähneputzen eingeführt wurde, führen einige Jahre später die Schüler dieses Landes den besten Zahnstatus der EU.

Schon in der Schule anfangen

Es stellt sich daher die Frage, warum solche wichtigen gesellschaftlichen Themen nicht von Anfang an in Kindergärten und Schulen behandelt werden. Dieser erste Schritt ist dringend geboten.

Gleichzeitig muss die Politik sich mit unterschiedlichen Themen nachhaltig auseinandersetzen. Beispiel Ernährung: Die Industrie hat nicht nur die Möglichkeit, die Lebensmittel mit viel zu viel Zucker und anderen letztlich für die Gesundheit schädlichen Zusatzstoffen zu versetzen, sondern kann zudem noch die Deklaration der Inhaltsstoffe für den Normalverbraucher derart verwässern, dass dieser nicht mehr durchblickt. Hier muss dringend entgegengewirkt werden.

Darauf aufbauend sehen wir erst das Thema Krankenversicherung und zwar unter dem Aspekt der Eigenverantwortung. Denkbar ist für sie, dass die gesetzliche Krankenversicherung gesundheitsbewusstes Verhalten nicht nur fördert, sondern auch belohnt, indem Menschen mit ungesunden Lebensgewohnheiten stärker an den Krankheitskosten zu beteiligen sind.

Dieses bisherige Tabuthema ist künftig zu diskutieren, denn unter dem Aspekt der ständig steigenden Kosten im Gesundheitswesen kann es künftig nicht mehr sein, dass ungesunde Lebensweisen zu Lasten aller anderen gesetzlich Versicherten gehen.

Die Selbstverpflichtung der Solidargemeinschaft sollte auch auf die versicherten Gemeinschaften der privaten Anbieter ausgedehnt werden, finden wir. Wer seine Lebensweise nicht im Sinne der Gesundheit und deren Erhalt ausrichtet, sollte eine pauschale und je nach Grad der Verfehlung erhöhte Selbstbeteiligung auf seine Krankheitskosten bekommen.

Anreize, damit der Patient möglichst schnell gesund wird

Auf diesen Gedanken aufbauend sehen wir auch die dringend notwendige Änderung in der Vergütung im Gesundheitssystem. Denkbar ist für uns ein System, in dem der Arzt Anreize dafür erhält, dass der Patient möglichst schnell wieder gesund wird und bleibt. Unsinnige Doppeluntersuchungen wie wiederholtes Röntgen sind zu vermeiden und werden sanktioniert.

Im Ergebnis sind wir uns beide einig: Reformen wie die Einführung einer Bürgerversicherung werden den bestehenden Problemen, wenn überhaupt, wieder nur eine kurzfristige Verschnaufpause verschaffen. Nachhaltige Lösungen erfordern ein viel weitreichenderes Konzept, das viel früher beginnt und die Versicherten deutlich mehr in die Eigenverantwortung bringt. Das funktioniert auch sehr gut mit den beiden bestehenden Systemen GKV und PKV nebeneinander.

Über die Autoren

Björn Hansen ist Vorstand der BKK Wirtschaft & Finanzen. Die BKK Wirtschaft & Finanzen ist eine in vielen Bundesländern für Jeden wählbare gesetzliche Krankenkasse.

Frank Dietrich ist Fachmakler für die Bereiche private Krankenversicherung, Berufsunfähigkeits- und Pflegezusatzversicherung. Er arbeitet bereits seit 25 Jahren in der Versicherungsbranche.

Vielen Dank an die Pfefferminzia – Autor: Björn Hansen und Frank Dietrich

One thought on “Zukunft der Krankenversicherung in Deutschland

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